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Ambivalenz der Menge zwischen Revolution und Romantik

Die Ambivalenz der Menge zwischen Revolution und Romantik

Prof. Dr. Kai Nonnenmacher (Univ. Bamberg)

Skizze zu einem Teilvorhaben zum Antrag für ein DFG-Netzwerk „Dispositiv der Menge“, Antragstellerin Privatdoz. Dr. Cornelia Wild  

Dieser Beitrag ist Teil eines eigenen Forschungsvorhabens zum Thema „Politisches Denken und literarische Form“ als Kooperation mit der Politikwissenschaft, vgl. die gleichnamige Buchreihe (bei Springer), die auf vier Bände angelegt ist. Bei der Zürcher Tagungssektion „La Foule“ von Cornelia Wild und Hermann Doetsch wurden von mir am Beispiel von Tocquevilles Demokratieverständnis und Lamartines Historiographie der Girondisten zwei Formen des Zwiespalts gegenüber der Menge zwischen „peuple, foule, populace“ (Volk, Menge, Pöbel) diskutiert: Die ambivalente Semantisierung der Menge zwischen Idee und Konkretion, zwischen Kontrolle und Eigendynamik in dieser Zeit weist bereits in das leere Zentrum der politischen Moderne, so die Ausgangsthese.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Beschäftigung mit der Menge in der Hochphase der Modernisierung und Urbanisierung indes deutlich stärker erforscht als für die ‚Latenzphase‘ zwischen absolutistischer (Unter-)Ordnung des Volkes, seiner vorübergehenden Subjektwerdung in der Revolution – selbst noch in Robespierres Selbstermächtigung als „défenseur du peuple“ – und der postrevolutionären Situation zwischen Napoleon und der Revolution von 1830, noch vor etwa Baudelaire oder Benjamins Paris. In diesem Teilvorhaben des Netzwerks soll also eine unmittelbare Vorgeschichte der voll entfalteten Menge der Moderne betrachtet werden, von den fragmentarischen Großstadtbeobachtungen der vorrevolutionären Volksszenen in Merciers Tableau de Paris (1781) über das uneinheitliche Verhältnis der katholischen und die liberalen Historiographen zu den französischen Massen bis zur Ambivalenz der Foule in Balzacs gesellschaftspolitischen Poetik der Comédie humaine. Deshalb scheint mir der Kontrast zu Untersuchungen der später angelegten Teilprojekte für die Einordnung eigener Ergebnisse sehr hilfreich.

Ill.: Charles Paul Landon (1761–1826), La vengeance populaire après la prise de la Bastille, vers 1793-1794

Dissertation: „Das schwarze Licht der Moderne“

Inhalt

Inhaltsverzeichnis

Homer, Milton, Ossian: Die Ästhetikgeschichte der Blindheit betrifft visuelle Modernität in ihrem Kern. Dies wird für Frankreich und für Deutschland zwischen 1750 und 1850 gezeigt: Das „schwarze Licht“ eines Sehens, das nicht im Gesehenen aufgeht, schafft eine mächtige Gegenerzählung zu triumphalischen Aufklärungsphantasmen und zur verwissenschaftlichten Objektivierung des Blicks. Die Negation des menschlichen Königssinnes gerät immer deutlicher zur Selbstbegründungsstrategie des Ästhetischen.

Das Korpus führt in drei Schritten eine Genealogie ästhetischer Strategien der visuellen Negativität vor: von der sensualistischen Erkenntniskritik des Starstich-Experiments über die idealistische Verschränkung von Nicht-Sein und positiviertem Sein in der Figur des blinden Sängers bis zum transitorisch gebrochenen Blick der Avantgarde.

Diskutiert werden philosophische Modelle von Holbach und Herder bis zum Deutschen Idealismus. Neben zwei umfangreicheren Kapiteln zur Blindheit bei Diderot und bei Jean Paul sind u.a. Blindentexte von Rousseau, Chateaubriand, Hugo, Nerval, Gautier und Baudelaire ausgewählt. Der Blinde gerät ebenso zum Zeichen eines verlorenen metaphysischen Blicks wie zur Projektionsfläche des autonom gewordenen Scheins. Über die Negativität des Sehens wird die säkulare Selbstsakralisierung der Poesie um 1800 schließlich gegen 1900 auf die Photographie als Kunstform übertragen.

Förderung und Preise

  • Entstanden dank der Förderung der Landesgraduiertenförderung Baden-Württemberg,
  • der Hermann Lenz-Stiftung und publiziert dank der
  • Druckkostenunterstützung der Kurt Ringger-Stiftung.
  • Preis der Stiftung Kommunikations- und Medienwissenschaften
  • Mai 2010: Verleihung des Hugo Friedrich und Erich Köhler-Forschungspreises für Romanische Literaturwissenschaft (Univ. Freiburg im Breisgau)

Rezensionen

— Maximilian Bergengruen, in: Germanistik, Band 48/Heft 3-4 (2007)
— Elsbeth Dangel-Pelloquin, in: Jahrbuch der Jean Paul-Gesellschaft 42 (2007), S. 167-172.

Abbildung (Creative Commons)