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Eröffnungsvortrag DFG-Netzwerk

Eröffnungsvortrag

DFG-Netzwerk DISPOSITIV DER MENGE, https://dispositiv-der-menge.de/

Friedrich Balke (Ruhr-Universität Bochum):
Massen regieren. Über Infrastrukturen und Kommunikationsnetzwerke gestern und heute

Donnerstag, 4. Februar 2021, 18.00 – 20.00 Uhr

Zoom: https://uni-siegen.zoom.us/j/98893779460?pwd=NzZzbC9IY05RYUhrdURxZHNuWk0zQT09)
Meeting ID: 988 9377 9460

Anschließend Apéro virtuell.

Ausgehend von neueren Forschungen zum sogenannten „Cloud protesting“ lotet der Vortrag im ersten Teil die Metaphorologie der Wolke für die Konzeption neuer (digitaler) und alter (analoger) Massenformierungen und ihrer Sichtbarkeitsregime aus. In der Forschung wird hervorgehoben, dass Cloud protesting-Gruppen „temporary, elusive, and action-oriented micro-organizations“ (Milan) seien. Diese Eigenschaften nehme ich zum Anlass, den von Elias Canetti beschriebenen Drang der Massen zu wachsen, auf ihre infrastrukturellen Bedingungen zu beziehen (statt dieses Merkmal zu essentialisieren). Plattformgestützte soziale Medien sind Generatoren offener Massen, denen grundsätzlich keine Grenze gesetzt ist – aber diese Offenheit steht in Bezug zu (algorithmischen) Schließungs- und Rankingoperationen.

Im zweiten Teil greife ich Robert Darntons Untersuchungen der „Kommunikationsnetzwerke“ städtischer Massen im vorrevolutionären Paris auf, die, so meine These, überraschend viele Merkmale der ‚virtuellen‘ und ‚memischen‘ Verbreitungsformen teilen, wie sie die heutige plattformgestützte Kommunikations- und Protestkultur kennzeichnen. Die „collective action“ im vorrevolutionären Frankreich erweist sich als eine „connective action“ und die politischen Verknüpfungen, die durch bestimmte mediale Formen (Poesie) ermöglicht werden, erzeugen einen ‚offenen’ und lose gekoppelten Massentypus, der nicht länger auf die Realpräsenz einer örtlich versammelten Menge angewiesen ist. Dabei erlauben die polizeilichen Ermittlungen literarischer Übertragungsprozesse im ‚Untergrund‘ die Rekonstruktion der Infrastrukturen, die den poetisch artikulierten Protest tragen.

 

Mitglieder

Vera Bachmann (Regensburg)
Davide Giuriato (Zürich)
Jenny Haase (Berlin)
Nadine Hartmann (Siegen)
Milan Herold (Bonn)
Johanna-Charlotte Horst (München)
Kai Nonnenmacher (Bamberg)
Karin Schulz (Konstanz)
Hanna Sohns (München)
Gianluca Solla (Verona)
Hannah Steurer (Saarbrücken)
Kathrin Thiele (Utrecht)
Martin Treml (Berlin)
Jobst Welge (Leipzig)
Cornelia Wild (Siegen)

Assoziierte Mitglieder

Friedrich Balke (Bochum)
Georges Didi-Huberman (Paris)
Michael Gamper (FU Berlin)
Eva Horn (Wien)
Walburga Hülk (Siegen)

Programm

Das Netzwerk untersucht die Menge von der Antike über die Moderne bis in die Gegenwart als Dispositiv, d.h. als eine heterogene Gesamtheit von Redeweisen, Körpern, Machttechniken, Affekten, Metaphern, Zeichenprozessen und kulturellen Praktiken. Dabei werden drei ineinander greifende Felder das Arbeitsprogramm leiten:

(1) Begriffsgeschichte und Semantik: Die begriffsgeschichtlich komplexe Figur der Menge wird auf unterschiedlichen Diskursebenen und in Hinblick auf die verschiedenen benachbarten Begriffe wie Masse, Schwarm, Pöbel untersucht. Die soziale Masse als politisches Subjekt kennzeichnet das Verhältnis von Menge und konturloser Masse, das unterschiedliche Kulturtechniken erzeugt. Bei der Beschreibung von Insektenschwärmen überlagern sich mit der Diskursivierung von Menge soziale Organisationsform, Biologie und Biopolitik. Die Menge als Volk und Pöbel zeigt die Spaltung der Menge zwischen Kontrolle und Eigendynamik, die in das Zentrum politischer Macht führt.

(2) Geschlechterdiskurs und Epistemologie: Die Menge impliziert Geschlechterfragen, die durch Frauenkörper, Mädchenschwärme, Nymphen, Musen, Sirenen, Harpyien, Erinnyen von der Antike bis zur Gegenwart das Verhältnis von Geschlecht und Menge problematisieren. Damit rücken Phänomene von Massenkultur und Massenhysterie in den Blick genauso wie die epistemologischen Verdrängungsprozesse, die mit den geschlechtsspezifischen Zuschreibungen der Menge verbunden werden.

(3) Repräsentation und Ästhetik: Seit der Antike bedeutet die Menge Überzahl, Vielzahl, Haufen, Gedränge, Gewühl, gemeines Volk, Leute, Pöbel (multitudo, turba, vulgus), was sich bis zu den Migrationsbewegungen in der Gegenwart fortschreibt. Zum Gegenstand der Untersuchungen werden in den verschiedenen Diskursen von Philosophie, Literatur und Ästhetik das Verhältnis von Individuum und Kollektiv, Öffentlichkeit und Innerlichkeit, von Besitzenden und Besitzlosen und somit Fragen der Repräsentation.

Die beteiligten Fächer sind Philosophie, Medienwissenschaft, Literatur- und Kulturwissenschaft (Romanistik, Germanistik, Komparatistik), Religionswissenschaft und Gender Studies. Die Fragestellungen werden in einzelnen Teilprojekten und Workshops verfolgt.

Projekte

https://dispositiv-der-menge.de/projekte.html

Vera Bachmann
Masse und Entwertung

Davide Giuriato
Fliegenpolitik

Jenny Haase
Zwischen Rückzug und Öffentlichkeit. Moderne Lyrikerinnen in der Romania (1900-1938)

Nadine Hartmann
Mädchenschwärme: Massenhysterie und Geschlecht

Milan Herold
Die Menge der Avantgarde

Johanna-Charlotte Horst
Mengenlehren des Alltags

Kai Nonnenmacher
Die Ambivalenz der Menge zwischen Revolution und Romantik

Karin Schulz
Einer und Viele. Wirkungsdialektiken im Rausch der Menge

Hanna Sohns
Weibliche Scharen

Gianluca Solla
Avantgarde des kommenden Lebens

Hannah Steurer
Figurationen der Menge im nouveau roman

Kathrin Thiele
Entanglement

Martin Treml
Die Menge in Pier Paolo Pasolinis La Ricotta

Jobst Welge
Figurationen von Subjekt und Masse in der lateinamerikanischen Kultur, 1899-1935

Cornelia Wild
Plebs urbana. Stimmen in/der Menge

Ambivalenz der Menge zwischen Revolution und Romantik

Die Ambivalenz der Menge zwischen Revolution und Romantik

Prof. Dr. Kai Nonnenmacher (Univ. Bamberg)

Skizze zu einem Teilvorhaben zum Antrag für ein DFG-Netzwerk „Dispositiv der Menge“, Antragstellerin Privatdoz. Dr. Cornelia Wild  

Dieser Beitrag ist Teil eines eigenen Forschungsvorhabens zum Thema „Politisches Denken und literarische Form“ als Kooperation mit der Politikwissenschaft, vgl. die gleichnamige Buchreihe (bei Springer), die auf vier Bände angelegt ist. Bei der Zürcher Tagungssektion „La Foule“ von Cornelia Wild und Hermann Doetsch wurden von mir am Beispiel von Tocquevilles Demokratieverständnis und Lamartines Historiographie der Girondisten zwei Formen des Zwiespalts gegenüber der Menge zwischen „peuple, foule, populace“ (Volk, Menge, Pöbel) diskutiert: Die ambivalente Semantisierung der Menge zwischen Idee und Konkretion, zwischen Kontrolle und Eigendynamik in dieser Zeit weist bereits in das leere Zentrum der politischen Moderne, so die Ausgangsthese.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Beschäftigung mit der Menge in der Hochphase der Modernisierung und Urbanisierung indes deutlich stärker erforscht als für die ‚Latenzphase‘ zwischen absolutistischer (Unter-)Ordnung des Volkes, seiner vorübergehenden Subjektwerdung in der Revolution – selbst noch in Robespierres Selbstermächtigung als „défenseur du peuple“ – und der postrevolutionären Situation zwischen Napoleon und der Revolution von 1830, noch vor etwa Baudelaire oder Benjamins Paris. In diesem Teilvorhaben des Netzwerks soll also eine unmittelbare Vorgeschichte der voll entfalteten Menge der Moderne betrachtet werden, von den fragmentarischen Großstadtbeobachtungen der vorrevolutionären Volksszenen in Merciers Tableau de Paris (1781) über das uneinheitliche Verhältnis der katholischen und die liberalen Historiographen zu den französischen Massen bis zur Ambivalenz der Foule in Balzacs gesellschaftspolitischen Poetik der Comédie humaine. Deshalb scheint mir der Kontrast zu Untersuchungen der später angelegten Teilprojekte für die Einordnung eigener Ergebnisse sehr hilfreich.

Ill.: Charles Paul Landon (1761–1826), La vengeance populaire après la prise de la Bastille, vers 1793-1794