Symposium „Entwürfe jüdischer Säkularität“

Bamberg 13. und 14. März 2023

Forschungsinitiative Jüdischkeit an der Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften der Univ. Bamberg

Wenn Jüdinnen und Juden jüdische Orientierungen übernehmen, ohne zwingend das Judentum als Religion einzubeziehen, sprechen wir von „jüdischer Säkularität“. Im Bereich der fiktionalen Literatur ist die Suche nach Orientierung außerhalb der Religion zu einem Merkmal vieler jüdischer Autor/innen geworden. Am Beispiel von Paul Auster spitzt der Literaturwissenschaftler Finkelstein (1995, 51) den Status solcher weltlicher Traditionsbezüge zu: „The secular Jewish writer can contemplate ancient tales or recent (literary) history, but he is fated to doubt the very strength he draws from such encounters.“

Obgleich jüdische Säkularität als analytischer Gegenbegriff zur jüdischen Religiosität verwendet werden kann, offenbart ein genauerer Blick, dass ein säkulares Verständnis jüdischer Identität und Kultur in vielfacher Weise mit dem Religiösen verwoben ist. Der Doppelcharakter des Judentums als Religion und Volk, wie er bereits in Genesis 12 festgelegt ist, eröffnet den Raum für jüdische Säkularität, ohne sie vollständig vom Religiösen zu lösen. Jüdische Personen, die die Bezeichnung „säkular“ für sich in Anspruch nehmen, kommen schwerlich umhin, auf eine Definition des Judeseins zurückzugreifen, die ihren Ursprung in der Halacha hat. Jüdische Kunst, Literatur und Kultur verweisen auch dort meist auf ihre religiösen Ursprünge, wo weltliche Bedeutungen im Vordergrund stehen. Eva-Maria Schrage zieht (2019, 265) für ihre Untersuchung in Deutschland das Fazit, „dass jüdische Kultur in Deutschland sich nicht zwischen Säkularisierung und Wiederkehr des Religiösen bewegt, sondern von Säkularität, Traditionsbewahrung und religiöser Erneuerung gekennzeichnet ist. Rabbiner und Rabbinerinnen, Religionslehrer und Religionslehrerinnen setzen Enttraditionalisierung und Säkularität charismatische und pragmatische Modelle von Judentum und jüdischer Gemeinschaft entgegen. Dabei beziehen sie sich in unterschiedlichen Maßen auf die Autorität der Tradition, auf die Glücksversprechen der Moderne und die jüdische Geschichte.“

Das Bamberger Symposium möchte literatur- und kulturwissenschaftliche, religionswissenschaftliche und soziologische Diskussionen über theoretische Aspekte jüdische Säkularität ebenso befördern wie den Austausch über konkrete kulturelle und literarische Erscheinungsformen des Phänomens.

Unter den möglichen Leitfragen dürften sich folgende als besonders ergiebig erweisen:

  1. Wie lässt sich jüdische Säkularität historisch im Verhältnis zur Religion beschreiben? Wie haben sich etwa säkulare Vorstellungen in Jiddischismus, Bundismus und Zionismus aus religiösen Konzepten heraus entwickelt? Wie ordnen sich Strömungen wie das „Humanistische Judentum“ in die Struktur jüdischer Konfessionen ein?
  2. Bedroht jüdische Säkularität die Existenz des Judentums oder sichert sie ihren Fortbestand? Wie lässt sich das Phänomen in wissenschaftliche und populäre Debatten über breitere Säkularisationsprozesse in westlichen Gesellschaften einordnen? Wie unterscheidet sich jüdische Säkularität von nicht-jüdischer Säkularität?
  3. Welche Distinktionsmerkmale jüdischer Identität werden bei einem säkularen Verständnis betont? Welche Unterschiede zwischen Israel und der Diaspora gibt es im Hinblick auf jüdische Säkularität und welche Besonderheiten werden in einzelnen Ländern sichtbar?
  4. Wie reflektieren jüdische Künstler und Autoren über das Phänomen?

Zitierte Literatur

  • Dreyfus, Madeleine. 2016. Ein ziemlich jüdisches Leben: säkulare Identitäten im Spannungsfeld interreligiöser Beziehungen. Jüdische Moderne 16. Köln: Böhlau Verlag.
  • Finkelstein, Norman. 1992. The ritual of new creation: Jewish tradition and contemporary literature. SUNY series in modern Jewish literature and culture. Albany: State University of New York Press.
  • Finkelstein, Norman. 1995. „In the Realm of the Naked Eye: The Poetry of Paul Auster“. In Beyond the red notebook: essays on Paul Auster, hrsg. von Dennis Barone, 44–59. Penn studies in contemporary American fiction. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
  • Schrage, Eva-Maria. 2019. Jüdische Religion in Deutschland: Säkularität, Traditionsbewahrung und Erneuerung. Wiesbaden: Springer VS.

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