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Fantastik und Kritik im französischen Gegenwartsroman

Fantastik und Kritik gesellschaftlicher Werte im französischen Gegenwartsroman

„Beitrag zur 12. Jahrestagung der Gesellschaft für Fantastikforschung: Spekulative Fiktion und Ethik“

23.-25. September 2021, Organisation: Judith Rauscher (K), Mareike Spychala (B), Sara Tewelde-Negassi (K), Lorena Bickert (B)

Tagungsexposee

Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur französischen Soziofiktion sollen im hier entworfenen Beitrag fantastische Narrationen der Gegenwart als Formen der Gesellschaftskritik gelesen werden, die poetologisch über Realismus und Milieubeobachtung hinausgehen. Tzvetan Todorovs Einführung in die fantastische Literatur formulierte als eine seiner Schlussfolgerungen: La littérature fantastique est comme un terrain étroit mais privilégié à partir duquel on peut tirer des hypothèses concernant la littérature en général. („Fantastische Literatur ist wie ein zwar schmales, aber privilegiertes Terrain, von dem aus man Hypothesen über Literatur im Allgemeinen ziehen kann.“), und dies gilt zuvorderst für ihre ethische Dimension.

2017 stellte Nicolas Gaudemet der Buchkette FNAC fest, dass sich Orwells negative Utopie 1984 in Frankreich stark verkaufe und dass gegenwärtig signifikant viele solcher Dystopien im Land erscheinen: Ces fictions, qui imaginent le pire dans un univers proche du nôtre, explosent. Reflet d’une société angoissée ou nouvelle façon de s’évader? Fictions de cauchemar, les dystopies se conjuguent à toutes les sauces. (AFP, übers.: „Diese Fiktionen, die sich das Schlimmste in einem Universum vorstellen, das dem unseren nahe kommt, explodieren. Spiegelbild einer verängstigten Gesellschaft oder ein neuer Weg zur Flucht? Alptraumhafte Fiktionen, Dystopien lassen sich mit allen möglichen Zutaten kombinieren.“)

Bereits das 19. Jahrhundert liefert in Frankreich ethisch engagierte Anti-Utopien, die mit einer dystopischen, fantastischen Beschreibung das gegenwärtige Frankreich beobachten, phantastisch umgestalten, karikiert und kritisieren, vgl. etwa Matthias Hausmann, Die Ausbildung der Anti-Utopie im Frankreich des 19. Jahrhunderts: von Charles Nodier über Emile Souvestre und Jules Verne zu Albert Robida. Ausgangsthese soll dabei sein, dass in Romanen wie dem von Jean Rolin, Les événements – der eine fantastische Reise durch ein verrohtes, bürgerkriegsgeprägtes Land erzählt – oder von Marie Darrieussecq, Notre vie dans les forêts – der eine digitale Überwachungsgesellschaft des weiblichen Klonens entwirft –, zeitspezifische Ängste, politische Kämpfe, Wertdiskussionen und ethische Verwerfung der pluralen Gegenwartsgesellschaft eine narrative Form erhalten. Dies soll exemplarisch an Romanen der letzten Jahre gezeigt werden, welche im fantastischen Gesellschaftsentwurf kritisches Potenzial und ethische Alternativen entfalten.

Ill.: Remember Me (Capcom, 2014) prend place dans le Néo-Paris de 2084 – Crédits : Capcom