Volk und Geist bei Karl Vossler

Volk und Geist bei Karl Vossler

Vortrag bei der Münchener Tagung über Karl Vossler, organisiert von PD Dr. Angela Oster, LMU München, Januar 2020.

Für den Sprachhistoriker ist nicht nur die tatsächliche politische Struktur des Landes von Bedeutung, sondern fast noch mehr ihr schwankender Widerschein in der Phantasie des Volkes.
(Vossler, Frankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprachentwicklung)

Programm

KARL VOSSLER: FACHGESCHICHTE AN DER LMU

München, 30. Januar 2020, 12-19.00 Uhr, Hauptgebäude Geschwister-Scholl Platz,
(12-14 Uhr: Raum A 019; ab 14 Uhr: Raum A 020)
Studentische Konferenz, gefördert von Lehre@lmu

12.00-12.15 Uhr: PD Dr. Angela Oster (München): Begrüßung

12.15-13.00 Uhr: Prof. Dr. Bernhard Teuber (München): Ein Romanist in dürftiger Zeit: Karl Vosslers Philologie der Einsamkeit

13.00-13.45 Uhr: Dr. Maximilian Schreiber (BSB, München): Vossler an der LMU (u.a. während des Nationalsozialismus)

Kl. Pause und Umzug in Raum A 120

14.00-14.45 Uhr: Prof. Dr. Bernhard Hurch (Graz): Das Grazer Archiv und Vossler

14.45-15.30 Uhr: Prof. Dr. Gerhard Poppenberg (Heidelberg): Vosslers Wende nach Spanien

bis 16.00 Uhr Kaffeepause und kl. Imbiss im Lichthof

16.00-16.30 Uhr: PD Dr. Angela Oster/Studenten Masterseminar: Der Nachlass Karl Vosslers in der Bayerischen Staatsbibliothek

16.30-17.15 Uhr: Prof. Dr. Martin Vialon (Istanbul/Oldenburg): Karl Vossler und Erich Auerbach: Kontroverse Positionen zur Deutung arabischer Einflüsse in Dantes „Göttlicher Komödie“

17.15-18.00 Uhr: Prof. Dr. Olaf Müller (Marburg): Wo liegt die „südliche Romania“? Zur politischen Geographie der deutschen Romanistik

18.00-18.45 Uhr: Prof. Dr. Kai Nonnenmacher (Bamberg): Volk und Geist bei Karl Vossler

Abschlussdiskussion und Ende der Konferenz

19.30: Abendessen im Restaurant

Gäste:
Prof. Dr. Ursula Bähler (Zürich)
Prof. Dr. Frank-Rutger Hausmann (Freiburg)

Zitate zum Vortrag

Eine feinere und bewußtere Technik hat erst die höfische Dichtung gezeitigt. Die Dichter der nationalen Epen hatten eine solche nicht nötig, denn sie wußten sich eins mit den religiösen und vaterländischen Gefühlen ihrer Zuhörer, durften von vornherein mit der Teilnahme an ihrer Erzählung rechnen und brauchten sich nur vom Stoff, der in der gemeinsamen Erinnerung des ganzen Volkes lebte, und von den Gefühlen, die alle Herzen bewegten, tragen zu lassen.
(Vossler, Frankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprachentwicklung, 1921)

Kurz, man bemüht sich, das Verhältnis zwischen der Propaganda der Lebensformen und der der Sprachformen von Volk zu Volk, von Stamm zu Stamm und Dorf zu Dorf, von beiden Seiten her zu durchleuchten. Dabei hat man beobachtet, daß die Gemeinschaft der Lebensformen sich mit der der Sprachformen teils deckt, teils nicht. Je besser der Sprachforscher erkennt, daß dieses Verhältnis bald ein einhelliges, bald ein unstimmiges, jederzeit aber ein unberechenbares und geradezu tückisches ist, desto wichtiger wird ihm das Studium der Lebensformen an und für sich werden. Er muß sie, wenn er sicher gehen will, auch unabhängig von der Sprachwissenschaft und um ihrer selbst willen kennen lernen. Wer z.B. die kulturellen Einflüsse Deutschlands auf Frankreich im Zeitalter der Renaissance lediglich auf Grund von deutschen Lehnwörtern im französischen Sprachschatz des 16. Jahrhunderts erforschen wollte, der würde von der tiefgehenden, das ganze damalige Königreich erschütternden Wirkung der lutherischen Reformation nicht eine Silbe erfahren. Und wo ist eine romanische Wortform für „Schießpulver“, der man ansehen könnte, daß ein Deutscher die Sache erfunden hat? Eine Sprache ist eben nicht nur durch das, was sie ausdrückt bedeutungsvoll, sondern ebenso durch das, was sie verschweigt, verhüllt, in der Stille voraussetzt oder überhaupt nicht sagen kann.
(Vossler, Französische Philologie, 1919)

Diese Dinge, erwidert der Positivist, sind gelehrt und gehören der Kultursprache an. Die naturgemäße Sprache, die Mundart, hat damit nichts zu schaffen, sie kennt keine Dubletten. Zwischen Mundart und Kultursprache besteht nämlich ein „Wesensunterschied“ (!). Der „Wesensunterschied“ liegt darin, daß die Veränderungen in der Mundart generellen Anfang haben, in der Kultursprache aber individuellen: dort ist die Majorität, hier die Minorität maßgebend.
Das alte Vorurteil! So hat man auch vom Volkslied angenommen, es entstehe generell, organisch und mit Naturnotwendigkeit, während das Kunstlied aus der Laune eines sensationssüchtigen Individuums entspringe. Da man die Autoren des Volkslieds nicht sah, so dachte man, das Volk sei der Autor; und man verehrte die rohesten Machwerke als tiefe und geheimnisvolle Offenbarungen des Volksgenius. In der Literaturgeschichte hat man mit dieser Romantik seit Jahren aufgeräumt. Wie lange will man sie noch in der Lautlehre dulden?
In Wahrheit ist der Unterschied zwischen Mundart und Kultursprache ein gradueller, aber kein qualitativer, kein „Wesensunterschied“. In der Kultur tritt das Individuum selbstherrlicher hervor und sucht sich vom Zwang der Natur und der Umgebung geistig zu befreien; weshalb man die Kulturgeschichte auch die „Freiheitsgeschichte“ des Menschen nennen darf. Im Naturzustand aber herrschen noch mehr die Instinkte. Diese Tatsache hat, bis zu einem gewissen Grade, ihr Widerspiel auch in der Sprachentwicklung.
(Vossler, Positivismus und Idealismus in der Sprachwissenschaft, 1904)

Ill.: Karl Vossler, Romanist und Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Photo: Theodor Hilsdorf, 1926, Public Domain